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16. Oct 2012 72

Vier zu Eins – ein Bericht vom Krieg.

Ein 280E/8 weiß

Ein 230CE gelb

Ein E320 Cabrio grün

Ein E240T blau – alle alt.

Oder:

Ein E200 CDI silber - neu.
Wir brauchten ein Auto, meint die beste Lebensfrau von allen,  ein ganz praktisches, eins, das alles könne und nichts  wolle.
Der Alte mache schon mehr Zicken als unsere Putze, daher werde der Hinfällige ins EBAY Land gebracht und bekäme ein neues zu Hause.
Sie habe schon diverse Kataloge im Internet angesurft und wäre zu dem Schluss gelangt, ein fernöstlicher Anbieter habe das beste Angebot.

NURÜBERMEINELEICHE !!! entgegne ich.

Stirbsthalt erwidert meine Geliebteste.

Und so erklären wir einander den Krieg.

Beide studiert, beide ein nicht ganz schlechtes Einkommen, beide argumentativ geschult, beide verhandlungserfahren.

Und so haben wir  auf einmal unglaublich viel Arbeit mit Statistik und Kostenrechnung und Ökobilanz und CO2 Ausstoß und und und……

Man einigt sich auf eine atomwaffenfreie Zone in der Küche und bespricht während der Nahrungsaufnahmen die Anfangs – und Randbedingungen des auf 6 Monate anberaumten Autokrieges.

Die Anfangsbedingungen:

Das nächste Service der Möhre stünde an und das Pickerl wäre fällig und es koste mehr als den doppelten Zeitwert des Wagens.
Das alte Auto müsse weg, möglichst ohne weitere Kosten zu verursachen.
Daher EBAY, die Notverkaufsplattform – man verkauft die Not...

Man habe ca. 40.000.- Euro zur Verfügung und wolle das Auto die nächsten zehn Jahre nutzen und in diesem Zeitraum 200.000 Kilometer weit fahren.

Das Auto müsse Klimaanlage und Automatikgetriebe, 4 Türen und einen üppigen Kofferraum, sowie alle sicherheitsrelevanten Features moderner Autos haben.

Die Lieferzeit dürfe maximal 2 Wochen betragen.

Ich erlaube mir einzuwenden, dass ein mausgrauer Behördengolf eine Lieferzeit von 6 Monaten habe und in 99% aller Liefertermine eine nochmalige Verzögerung von 4 Wochen eintrete.

Wasfüreinunsinn – man bekäme – fast schon – beim Eduscho neue Autos.

Die Randbedingungen:

Man habe einen Doppelparker - Garagenplatz mit der Wohnung gemietet und müsse auf 2 Meter hohe SUV`s verzichten.

Das Auto solle einen hervorragenden bis mindestens guten Wiederverkaufswert haben, der Fall einer Zwangsverschenkung –  weil Autoisnixwert  – darf  nicht noch einmal vorkommen.

Geringer Kraftstoffverbrauch (egal welchen), eine 4 Jahres - Vollgarantie, und eine  moderate Preispolitik bei Ersatzteilen und Service werden integrierender Bestandteil des Auswahlverfahren sein.

Eine Ökobilanz des Autos soll ebenfalls Platz in den Ankaufskriterien finden.

Und nicht zuletzt müsse man die Pannenstatistik durchforsten, um nicht allzu oft unliebsame Überraschungen in der Funktion des Autos zu erleben.

Insassenschutz steht auch noch im Lastenheft, es darf kein superstylischer Eyecatcher mit Konsistenz Butterkipferl werden.

Und so begann der Krieg:


Gleich am zweiten Tag mussten wir unterbrechen, da von unseren besten Freunden zu einer Überraschungsfeier an eine uns unbekannte Adresse eingeladen wurde.

Da die Location außerhalb urbaner Lebensräume lag, borgte ich mir Vaters alten Wagen, nicht, ohne massive Zweifel ob der Ankunftswahrscheinlichkeit eines immerhin 31 Jahre alten Wagens von meiner geliebten Kriegsgegnerin zu ernten. 

Da Waffenruhe vereinbart und ich für das rollende Material verantwortlich war, setzte ich mich durch und wir fuhren im alten und weit gereisten Coupe meines Vaters nach Pressbaum.
Sie haben geerbt, die Freunde. 

Ein altes Landhaus mit einem Riesengarten und einer Garage und einem Schuppen und einem Salettl. Möbliert mit einer Mixtur aus Bauernbarock bis Nierentisch. Angenehm kühl ist es im Haus, wir gehen  auf die offene Veranda hinaus, schattig und doch wohlig warm von der Spätsommersonne.
Wir nehmen Teil an der Freude unserer Freunde und sind verwundert wie wenig man einander kennt. Sie werden das Haus – ganz behutsam nur – nach ihren Bedürfnissen umbauen, aufs Land ziehen und ihr Leben dramatisch verändern.

Und die Garage, die fülle ich mit Oldtimern, nein nicht die ganz alten, so aus den Siebzigern und Achtzigern und Neunzigern, in der Zeit bin ich ja aufgewachsen, erklärt mein Freund.

Und die Kosten für ein so teures Spielzeug? 

Peanuts – er habe es schon berechnet, mein Kriegsgegner schüttelt ungläubig die Waffe.
Ich ziehe mich mit meinem Freund an den Laptop zurück und er eröffnet mir eine ganz ungewöhnliche neue Sichtweise des Individualverkehrs.
Er zeigt mir auf Internetplattformen die Wertverluste moderner Fahrzeuge, in Foren die  Ärgernisse von Autonutzern, in EBAY als Verkaufsplattform die reale Preisentwicklung von modernen Autos im Vergleich zu Oldtimern.
Er entwickelt sich zum Waffenbruder ohne es zu merken, ich erzähle ihm von unserem skurrilen Streit, er lacht sich halbtot und verspricht mit beizustehen.
Seine Einkaufsliste steht schon fest, das erste Auto ist auch schon gekauft, derzeit beim Service und kommt nächste Woche. Ein Mercedes 230CE – was sonst, sind wir beide aus  Mercedes fahrenden Familien stammend und unselbständig genug, auch einen Benz zu fahren.
Er expliziert mir seine Ideen zur Abdeckung seiner automobilen Bedürfnisse  und weckt in mir eine Nachdenkphase zu Konsum, Ressourcenverbrauch, Nachhaltigkeit, Wertverlust.

Er hat ebenso 40.000.- zur Verfügung und  ein Viertel schon verjuxt – für einen jungfräulichen 230CE Baumuster W123 mit 33.000 KM aus dem Baujahr 1982.

Damit ist die Karosserieform Coupe abgehakt, es fehlen noch eine 280E/8 Limousine ein E320 Cabriolet Serie W124 und ein E240T Baumuster W210 Kombi für die Vernunft.

Ich bin begeistert und überlege ähnliche Ideen in meinem Autokrieg durchzusetzen.

Mein Freund – als nüchterner  Rechner bekannt – listet mir schlüssig die Vorteile eines  Viererpaketes älterer Autos auf und kommt zur Conclusio, dass die vier Alten billiger sind als ein Neuwagen, unter der Voraussetzung keine Garagenmieten bezahlen zu müssen. 

Er bewertet die /8 Limousine in nahezu perfektem Zustand mit  8.000.- 
das 230CE W123 Coupe mit  10.000.- sehr teuer, hat aber Neuwagencharakter.
Ein sehr gepflegtes E320 Cabriolet wird ca. 13.000.-  und der Kombi als Alltagsauto  ca. 9.000.- kosten.

Der Wertverlust des W210 Kombis wird durch die Wertsteigerung der drei anderen Fahrzeuge mehr als wettgemacht, der /8 und das Cabriolet werden in den Notierungen sehr anziehen, der Wert für das Coupe wird für die nächsten Jahre nicht so ansteigen wie  die beiden anderen.

Der Neuwert eines E Klasse Kombis in guter Ausstattung liegt bei ca. 50.000.- nach drei Jahren hat sich der Neuwert halbiert, nach zehn Jahren sind nur noch 16-20% des Neupreises lukrierbar, immer vorausgesetzt der Wagen wurde hervorragend gepflegt und befindet sich in tadellosem Zustand.
Kann ein aktueller Neuwagen alles um 80-84% besser als ein Gebrauchter? Er kostet doch um 80-84%  mehr als der Alte.
Wir Buben werden vom Ruf „zu Tisch“ aus der Realität gerissen und gehen ins Wohnhaus zurück. Meine Autokriegsgegnerin hat in unserer Freundin keine rechte Unterstützung, da Frau Erbin – gerne mit automobilem Spielzeug unterwegs – die Idee ihres autophilen LABs schlau und einfach lustig findet.

Als wir uns nach einem Aperitif zu Tisch niederlassen, läutet ein Handy – wer stört? – hallo – na, da freue ich mich aber – wo? – vor unserem Tor? – komme!.
Das bereits eingekaufte 230CE Coupe trifft vorzeitig ein – auch solche Wunder soll`s geben –  Und so gibt es einen zweiten Aperitif mit dem Mechaniker und ein 5. Gedeck.
Und einen verbalen Exkurs in die Welt der Schwarzfinger.
Und eine neue Sichtweise automobilen Denkens und eine umfassende Erweiterung der Randbedingungen.
Und eine angepasste Kostenrechnung aufgestockt um die Faktoren mittelbare Schäden, Zeit, angepasster Restwert und customer satisfaction.
Der Homo Mechanikus referiert – ohne jemals  Sendungsbewusstsein aufkommen zu lassen – über die automobile Moderne. Erzählt von in Bangladesh für Premiummarkenhersteller gefertigten Pfennigartikel (in den Ersatzteilpreislisten zu knapp unter einhundert Euro) getarnt als hochtechnische Originalersatzteile, der Veredelungsvorgang beziehe sich auf das Umpacken und die Versiegelung mit einer Hologrammfolie und alles samt sei eine Mogelpackung der Sonderklasse.

Die Vierjahresgarantien der Hersteller seien trotzdem ein Supergewinn, da der Kunde von den konstruktiven Mängeln der Autos nur im akuten Ausrollschadensfall etwas mitbekäme, den unter der Garantieoberfläche schwimmenden viel größeren Teil von heimlich still und leise getauschten dauerkaputten Teilen erfährt der Kunde nicht – solange die Garanzia währt.

Doch wehe wehe wenn ich an das Ende sehe – der Mechaniker umschreibt Wilhelm Busch `s Fromme Helene in Autoeigners Geldbörse, die – nun ohne Garantie – schutzlos den Angriffen der Premiumlobby ausgeliefert wäre. Erinnert sich an Servicerechnungen für ein 120.000KM  gelaufenes 6 Jahre altes Auto von 6.500.- und der Wagen hätte bestimmt nicht an der East African Safari Rallye teilgenommen. So hole man sich die in 4 Jahren geheim verbauten Kosten zurück.

Er selbst fahre einen 19 Jahre alten Kombi im Alltags – und Werkstattbetrieb.
Naja – meine Frau meint mit vollen Hosen könne man leicht  stinken, als Mechaniker wären die kleineren und größeren Wehwehs einfach und vor allem kostengünstig zu beheben.
Der Mechaniker ist verwundert,  er habe noch nie darüber reflektiert welche Kosten der alte Kombi verursacht hat. Er erinnert sich an ein paar Services, einen Auspuff bei Kilometerstand 400.000, eine Batterie, einige Lampen. Und nun trete das Auto wieder ins Erdorbit ein – auf dem Rückweg von einer Reise zum Mond. Das Auto sei bei immerhin KM 665.000 angelangt und fahre ohne Probleme.
Ungläubige Gesichtsmimik beim Kriegsgegner.

Der Nachhauseweg verlief natürlich problemlos mit Vaters Coupe, begleitet von nachdenklichen Kommentaren meiner Frau.
Sie bemerkt die exzellente Verarbeitung, das bequeme Fahrerlebnis, die  perfekte Ergonomie.

Nein – das Coupe habe keinen Katalysator, auch Airbags fehlen,
es müsse mit einem Metallschlüssel aufgeschlossen werden und sei noch ohne eigene Stimme.

Abernettistesschon das alte Auto, und der Benzinverbrauch?undwennsdanndochstreikt?

Lassmicheinmalfahren!
Ich gebe das Steuer unwillig aus der Hand – wer überlässt seinem Feind gerne rollendes Material – präsentiere die Antiquität meines Vaters mit leiser Ironie – der Wagen hat immerhin fast 300.000 Kilometer und über 30 Jahre auf dem 
Buckel – und lasse die gediegene Ergonomie auf meinen Feind los.

Sie fährt nach Hause, kauft vorher noch ein Waffenruheeis und zeigt sich aufgekratzt und neugierig.

Man surft über der Eisbox und den Waffeln in Neu und Gebrauchtwagenbörsen,wundert sich über die Wertverluste von jungen Gebrauchtwagen, loggt in Selbsthilfeforen ein, ist erstaunt wie Markenvertretungen agieren, durchforstet Zuverlässigkeitscharts und beschließt eine Tour de Neuwagenkauf.
Ich überlasse meiner Liebsten die Auswahl der akademischen Ankaufsverhandlungen, sie ist ungleich pragmatischer in ihren Entscheidungen.
Wir werden sicherlich kein neues Auto kaufen – meine Frau weiß es nur noch nicht. Lasse sie die nächste Woche müde werden, durch Präpotenz, Ignoranz, Inkompetenz und schlichter Dummheit vieler Neuwagenberater.

Sie bereitet sich vor wie auf ein Rigorosum, wälzt Internetprospekte, sucht das beste Angebot.

Ich ziehe mich einstweilen auf einen Guerillakrieg zurück, rufe meinen Freund an und bitte um die Telefonnummer seines Mechanikers, wähle und frage den Guru um ein Auto seines Vertrauens – ein gebrauchtes Auto, Baujahr egal, Motorisierung egal, zuverlässig und gut erhalten sollte es sein, zu einem 
angemessenen Preis.

Er könne im Moment mit keinem Exemplar dienen, solle meine Telefonnummer hinterlassen, er melde sich in den nächsten Wochen.

Muss den Verfall meiner Gegnerin miterleben, bitte sie um Abbruch des Krieges und gestehe meinen Vorstoß Richtung Gebrauchtwagen.

Verräter – sie nimmt den Autokrieg sofort wieder auf und ist sichtlich beleidigt von meiner Heimtücke, lasse mich nicht entmutigen und hoffe auf den Rückruf des Rotkreuzhelfers in Autofragen.
Zwei Wochen später Anruf, es gäbe einen Kombi – nein keinen Handwerkeresel – ein höheres Freizeitzweitfahrzeug mit guter Ausstattung und geringer Laufleistung, makellos, harmonische Farbkombination und erst 20 Jahre alt für
Euro 8.500.-.
Das Auto brauche nur das 70.000 Km Service und neue Reifen, sollte sich alles zusammen um 1.500.- ausgehen.

Ich sage spontan zu  und eine Woche nach dem Anruf kann ich das Auto Probe fahren, bin begeistert und kaufe den Wagen.
Ich hab sie hintergangen, die Liebste und mein schlechtes Gewissen lässt mich ein nettes Wellnesswochenende buchen.

Sie ist erschöpft genug, leistet keinen Widerstand und fällt Freitagnachmittag in meine Neuerwerbung, schläft sofort ein und ich und er fahren uns ins Wochenende.

Alles tut uns gut, zehn Minuten vor der Abreise fragt mich meine Schlaue womit wir angereist wären, kann die Harmonie nicht stören und flunkere von Freund, der uns sein Auto geborgt hätte.
Die Nachhausefahrt übernimmt sie mit dem Auto, sichtlich entspannt, plaudert aus der Distanz  des Wochenendes über ihre Erfahrungen als Neuwagenkundin, wirft zwischendrin ein, dass der Leihwagen des Freundes – wer borgt eigentlich  ein so tolles Auto her? – sehr angenehm fährt und dass man die bisher zurückgelegten 250 Kilometer gar nicht merkt.

Und ob man doch einen Gebrauchten suchen soll?
Und was kostet so ein alter im Einkauf? Was - nur?
Und die Fixkosten? Auch nicht die Welt!
Und wenn er streikt? Steht der Alte genauso unbeweglich wie ein Neuer am Straßenrand !
Und die Sicherheit? Ein Mercedes ?

Und sie wäre sehr angetan vom Komfort und Allem.

Und dann gestehe ich, sie fährt wortlos einen Parkplatz an, erwarte aus dem Auto geworfen zu werden, werde wild geküsst, Krieg beendet.
Habe heute mit den beiden Älteren den Wagen vom 200.000 Km Service abgeholt, erinnere mich an unseren Autokrieg vor 6 Jahren und Julian fragt mich erstaunt aus dem Kindersitz, warum ich  lächle.
top 7
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Kommentare

eugen
16. Oct 2012

Hallo Vintagebenz,

und dann gilt auch noch, was Helge Thomsen - Gründer des Magazins Motoraver - in einem spiegel.de-Interview gesagt hat: Wer den Rock n Roll verstanden hat, fährt keinen Neuwagen.

Schöne Grüße
;-) eugen

Mercedes-Reiter-Historic-Racing-Team
17. Oct 2012

Servus Vintage Benz,

als Insider (sog. autorisierter Vertragspartner) und Lebensgefährtinnen geprüfter Leidensgenosse kann ich Dir nur zustimmen. Den merke der letzte echte Benz kommt aus der Baureihe 124, alles was danach kam gibts in Japan oder Korea auch - nur günstiger und mit besserem Service ! Merke lieber alt und bezahlt als neu und geleast !
In diesem Sinne
Viel Spass
Udo

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